Haben Sie schon ein mal versucht, ein paar Pfunde loszuwerden? Diäten helfen da nichts. Nach einer Weile sind Sie schwerer als vorher. Jojo-Effekt nennt sich das. Trotzdem möchte ich heute mit Ihnen übers Fasten nachdenken. Nicht zum Abnehmen allerdings.
In der evangelischen Kirche gibt es seit einigen Jahren die Aktion "Sieben Wochen ohne ...". Nein, keine Sorge, niemand schreibt Ihnen vor, dass Sie so lange nichts essen sollen. Worauf Sie von Aschermittwoch bis Ostern verzichten wollen, bestimmen Sie ganz alleine. Am besten etwas, das so zu Ihrem Leben gehört, dass Sie den Eindruck haben: Ohne das kann ich eigentlich gar nicht mehr leben. Die Kanne Kaffee am Tag etwa, oder die Schachtel Zigaretten oder die Tafel Schokolade. Vielleicht lassen Sie auch mal den Fernseher aus oder bleiben sieben Wochen völlig uninformiert, was sich im Internet gerade ereignet. Meine Schüler kommen an dieser Stelle regelmäßig auf die Idee, doch mal sieben Wochen lang ihre Schule zu schonen. Aber ich glaube, da hätten sie nicht das Gefühl, ihnen würde etwas fehlen. Ein bisschen weh tun darf's schon ...
Damit's jedoch keine säuerliche Sache wird, gehört zur Aktion auch, in diesen sieben Wochen etwas neues auszuprobieren. Jesus rät ja: "Wenn ihr fastet, dann setzt keine Leidensmiene auf. Salbe dein Haupt und wasche dein Gesicht" (Matth 6,16ff).
Sieben Wochen ohne also - und sieben Wochen mit. Mit regelmäßiger Bewegung an frischer Luft vielleicht. Mit einer Sportart, zu der Sie sich bisher nicht aufraffen konnten. Oder mit Musik, die Sie nicht nur konsumieren, sondern selber machen. Oder mit einem Buch, das Sie schon immer interessiert hat. Vielleicht auch mit etwas ganz Neuem und Verrücktem� Wer weiß, was Ihnen einfällt, wenn Sie den gewohnheitsmäßigen Griff nach diesem oder jenem eine zeitlang bewusst sein lassen! Ihnen fallen gleich mehrere Dinge ein, die Sie weglassen oder neu anfangen könnten? Wählen Sie bitte nur je eines aus, sie überfordern sich sonst.
Was ist der Sinn des ganzen? Durch so eine freiwillige Unterbrechung kommen Sie auf ganz andere Gedanken. Lange Weggedrängtes, manchmal lange mit wenig hilfreichen Mitteln Bewältigtes kommt neu in den Blick. Vielleicht finden sich bessere Lösungen. Solche, die Sie möglicherweise nach diesen sieben Wochen gar nicht mehr missen möchten.
Und sie üben sich darin, sich nicht nur leben zu lassen, sondern selber zu leben. Nicht nur zu tun, was Sie schon immer getan haben, sondern neue Wege zu suchen. Nicht nur zu tun, was alle tun, sondern was Ihnen ganz persönlich entspricht. Fasten ist Einüben in Freiheit.
Sie werden dabei vielleicht auch an Grenzen stoßen. Vielleicht stellt sich Ihnen auch ganz grundsätzlich die Frage: Wozu überhaupt leben ich? Für wen und für was? Was will ich eigentlich mit meinem Leben anfangen, wozu will ich die Zeit verwenden, die mir gegeben ist? Wie kann ich frei werden von den Dingen, die man durch Fasten nicht los wird?
Solch ein Fasten ist eine Chance, ihre Beziehung zu ihnen selbst neu zu ordnen. Auch die Beziehung zu den Dingen, mit denen sie leben und zu den Menschen, mit denen Sie in Beziehung sind. Es ist auch eine Möglichkeit, neu zu sehen: Was für eine Beziehung zu Gott habe ich? Wie möchte ich in dieser Hinsicht leben?
Probieren Sie es doch einmal aus! Diäten machen dick. Fasten macht frei.
Michael Jung, Sonntagsgedanken für die Zeitung vom Sa, 24.2.2001






