• Increase font size
  • Default font size
  • Decrease font size
Start Artikel Essay Die Flut

Die Flut

E-Mail Drucken PDF
Benutzerbewertung: / 0
SchwachPerfekt 

tsunami1.jpgAm 26.12.04 überschwemmte ein Tsunami die Küsten von Thailand, Indien, Sri Lanka und Somalia. Wohl über 150.000 Menschen fanden den Tod. Darunter sind Tausende Touristen (davon über 1000 aus Deutschland). Millionen Menschen sind obdachlos. Die Infrastruktur ist zum Teil zerstört (Wasserleitungen, Strom, Information, Wege etc.). Es besteht die Gefahr, dass durch Krankheiten und Seuchen das Leiden vergrößtert wird. Ähnlich wie das gewaltige Erdbeben am 1.11.1755 in Lissabon und weiteren Teilen Portugals erschüttert diese Naturkatastrophe die Welt.

Die erste Frage ist: Wie kann geholfen werden? Eine Kette der Hilfsbereichtschaft über die ganze Erde ist nötig. Spenden können die bestehenden Hilfsorganisationen unterstützen (z.B. online auf www.diakonie-katastrophenhilfe.de).

Aber dann stellen sich auch ganz grundlegende Fragen: Wie kann es zu solchen Unglücken kommen? Wie kann Gott so etwas zulassen?
Diese sog. "Theodizee-Frage" kann nicht wirklich befriedigend beantwortet werden.

Zwei naheliegende Antwortversuche verbieten sich:

1. Die Beschuldigung von Menschen
Zynisch wäre es, die Ursache bei menschlichen Fehlern zu suchen. Sicherlich hätte ein Frühwarnsystem, wie es die USA und Japan im Pazifik haben, die Zahl der Opfer deutlich reduzieren helfen. Es gehört aber zum Gefälle zwischen reichen und armen Ländern, dass es um den Indischen Ozean kein solches System gibt. Sicherlich ist in der Region um Thailand Prostitutionstourismus kein kleines Thema. Von einer Art "Gericht" zu reden wäre in diesem Zusammenhang mehr als fragwürdig. Wer Menschen beschuldigt, versucht damit auf, sich selbst vom Druck des nicht Fassbaren zu entlasten - auf eine Weise, die andere Menschen entwürdigt.

2. Die Verteidigung Gottes

Wenn Gott so etwas zulassen kann, dann ist er entweder nicht allmächtig oder nicht gütig (Epikur). Es liegt glaubenden Menschen nahe, Gott mit mehr oder weniger einleuchtenden Begründungen verteidigen zu wollen. Doch die Wirklichkeit ist, dass sowohl Gott als auch die Wirklichkeit manchmal weder emotional noch intellektuell fassbar sind. Wer hier Gott zu verteidigen sucht, der versucht vor allem, sein "heiles" Weltbild zu retten.

Wer auf der anderen Seite solche Vorkommnisse fast triumphierend zur Begründung für seine Überzeugung heranzieht, dass es keinen Gott gibt (wie viele in der Diskussion um Bischof Hubers Zeilen im "Spiegel"), der entzieht sich der lebendigen Spannung von Vertrauen und Zweifel und blendet mit der religiösen Dimension einen sehr elementaren Lebensbereich völlig aus.

Eine eindeutige Antwort auf etwas so Abgründiges kann man nur mit seiner Existenz geben. Auf der intellektuellen Ebene kann die Antwort nur paradox sein:

Angesichts ähnlich unverständlicher Erfahrungen formuliert der Profet Jesaja von Gott: "...der ich das Licht mache (!) und schaffe (!) die Finsternis, der ich Frieden gebe und schaffe Unheil. Ich bin der HERR, der dies alles tut." (Jes 45,7). In diesem Zusammenhang fällt der Begriff vom "verborgenen Gott" (Jes 45,15 - deus absconditus). Damit respektiert der Profet, dass ein Gott, der in seinen Kopf paßt, nur eine Spiegelung menschlicher Vorstellungen wäre. Und gleichzeitig hält er gegen allen Augenschein daran fest, dass ihm auch im Dunklen und Unheilen Gott begegnet.

Martin Luther redet in Bezug darauf, dass man manchmal von Gott fliehen müsse - zu Gott. Vom unter seinem Gegenteil verborgenen Gott hin zu dem, der in Christus sein Herz gezeigt und offenbart hat. Diese paradoxe Ab- und Hinwendung zu Gott ist es auch, die die Psalmbeter gleichzeitig Gott anklagen und doch mit ihm in Beziehung bleiben läßt.

Auf einer seelsorgerlichen Ebene ist deutlich: Den betroffenen Menschen ist ihr Grundvertrauen zunächst einmal zerstört. Neue Ankündigungen von Seebeben lassen sie panisch werden. "Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann" - das klingt jetzt nur noch zynisch. Nein, die Natur ist nicht so wohlgeordnet. Immer wieder bricht der Boden ein und überfluten Wellen Flußläufe und Meeresstrände.

Und doch ist das im Alltag wahr und muss auch für das Lebensgefühl wieder wahr werden: Da war zwar etwas sehr Schreckliches, aber normalerweise droht nicht in jedem Augenblick Todesgefahr. Normalerweise sind wir behütet und in eine gute, sichere Ordnung eingebettet. Dass dieses Vertrauen wieder gewagt werden kann, dazu ist nach solch traumatischen Ereignissen für viele eine Form von Psychotherapie nötig.

Was aber zurückbleibt ist das Wissen: Nein, einen der alles in der Hand hat, dessen Allmacht stärker ist als jede Gefahr, einen Gott, wie ihn Kinder glauben, den gibt es nicht. "Allmacht" in diesem eher abstrakten Sinn ist kein biblisches Wort, sondern stammt aus der griechischen Philosophie. Die Bibel erzählt davon, dass Gott am Ende alle Tränen abwischen wird und Leid und Tod nicht mehr sein werden (Offb 21). Gott wird dann "alles in allem" sein (1 Kor 5,28). Das ist nicht eine Vertröstung auf einen Sankt-Nimmerleins-Tag, sondern der Trost, dass Gottes Macht schon jetzt weiter reicht als die Fluten und der Tod. Dass auch die Getöteten in seiner Hand sind. Schlimm genug, dass sie aus dem Leben gerissen wurden. Aber sie wurden nicht aus Gottes Liebe gerissen.

Wie kann Gott so etwas zulassen? Wir können diese Frage nicht wirklich befriedigend beantworten. Jeder Antwortversuch bringt neue Fragen hervor. Angesichts dessen ist es wichtig, diese Frage tatsächlich offen zu halten und letztlich zynische und menschenverachtende Antworten abzuwehren. Bewältigen läßt sich diese Frage nur im Lebensvollzug: Im Klagen und Anklagen Gottes und im "dennoch" (Ps 73) trotzigen Festhalten an ihm. Im neuen Wagen von Vertrauen im Alltag trotz zutiefest verunsichernder Erfahrungen. Im Offenhalten von Menschlichkeit und Mitgefühl trotz großen Zorns und grosser Verunsicherung. Und für uns- die wir letztlich nur in der Zuschauerperspektive Betroffene sind - in Hilfsbereitschaft, die mehr als nur ein paar Gedanken und ein paar überflüssige Groschen für die Menschen um den Indischen Ozean herum investiert.

Michael Jung.

 

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren



Design by i-cons.ch / etosha-namibia.ch